Moderne Bahnhöfe (im Bild der Lehrter Bahnhof, Berlin) erstrecken sich über mehrere ober- und unterirdische Geschoße. (iStock)

city themen

Kathedralen des Verkehrs

BAHNHÖFE HABEN ALS BRENNPUNKTE öffentlichen Lebens einen Status ähnlich dem großer Hotels: Schicksale kreuzen einander, flüchtige Begegnungen lassen Lebensgeschichten aufblitzen, Wege treffen und trennen sich.

Leo Tolstois „Anna Karenina“ war einer der ersten Romane, in denen der Schauplatz Bahnhof eine entscheidende Rolle spielt. An den Gleisen beginnt die Liebesgeschichte der Titelheldin mit Graf Wronskij, ebendort endet sie auch. 1927 ließ der Wiener Komponist Ernst Krenek die Schlussszene seiner Jazz-Oper „Jonny spielt auf“ auf einem Bahnhof spielen, 1953 siedelte der italienische Regisseur Vittorio de Sica seinen Film „Roma, Stazione Termini“auf dem gleichnamigen Bahnhof an. Die monumentale Architektur der „Kathedralen des Verkehrs“ eignet sich perfekt als Bühne für zwischenmenschliche Begegnungen. Hat jemals jemand versucht, große Literatur an der Schnellbahnstation Matzleinsdorfer Platz oder im Bahnhof Wien-Simmering spielen zu lassen? Hätte Agatha Christie „Mord im IC betriebliche-altersvorsorge.at“ geschrieben?

Historismus und Monumentalität

Der älteste erhaltene Kopfbahnhof der Welt, der Bayerische Bahnhof in Leipzig, datiert aus den Jahren 1842-52. Nach Kriegsschäden und einem Dornröschenschlaf in DDR-Zeiten wird der zu seiner Zeit wegweisende Bau heute als Restaurant und auch wieder als S-Bahn-Station genutzt. Wie häufig bei den Bahngesellschaften des 19. Jahrhunderts trägt er den Namen der Ziele seiner Schienenwege, ähnlichetwa dem 1845-47 gebauten Hamburger Bahnhof in Berlin, der heute ein Museum  aufnimmt.

Ein besonders prachtvoller historistischer Bau im Stil der Tudorgotik ist der gut zehn Jahre später entstandene Hauptbahnhof von Breslau, dem auch der alte Wiener Nordbahnhof ähnelte. Der Bahnhof, der derzeit massiv umgebaut wird, gibt sich selbstbewusst und weltgewandt – das Bahnreisen war damals eine so noble Sache wie hundert Jahre später das Fliegen. Die 200 Meter lange Halle mit Glasdach war die größte ihrer Art in Europa. Ein gesonderter Eingang mit eigenen Räumlichkeiten für Angehörige des Hofes war bis zum Ersten Weltkrieg in größeren Stationen selbstverständlich.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sich der Großstadtbahnhof als eigener Bautypus heraus. Wichtig war wegen des Rauches der Dampflokomotiven eine seitliche Abschirmung von Halle und Gleisanlagen gegen die Umgebung. Aus diesem Grund hatten die Hallen eine große Höhe, wasz usätzlich zu ihrer Monumentalität beitrug. Oft wurden die Gleisanlagen gegenüber der Halle um eine Etage erhöht und über Freitreppen erschlossen. Für große Volumina bewährte sich der Rückgriff auf die römische Antike,v or allem auf die Bauform der Basilika.

 

Den gesamten Artikel lesen Sie hier