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Less is more
DONAUKANAL Obiger aussagekräftige Satz des berühmten Architekten der klassischen Moderne Ludwig Mies van der Rohe gilt auch für eine funktionierende Stadtprogrammatik: Urbanität soll womöglich von selbst „in Fluss kommen“.
Der Donaukanal war seit jeher als hoch frequentiertes Infrastrukturband durch Wien angelegt. Die Regulierung des Donaustromes 1870-75 zog ein infrastrukturelles Folgeprojekt nach sich, für das 1892 ein Wettbewerb ausgeschrieben wurde: Der Generalregulierungsplan für Wien sollte nicht nur die gezielte Nutzung des Donaukanals mit begleitender Anlage von Abwasser- Hauptsammelkanälen, sondern auch die Errichtung eines Stadtbahnnetzes festlegen. Entlang des Donaukanals wurden somit Entsorgung und Versorgung der Stadt festgeschrieben. Bereits nach Schleifung der Stadtmauern 1858 war der Franz Josefs Kai der erste provisorisch fertig gestellte Straßenzug der Stadterweiterung und anders als die Ringstraße war dieser nie als Prachtstraße angelegt, sondern - in Verlängerung der Einfallstraße Rossauer Lände - als breiter Handelsweg neben der Wasserstraße. Dies ist im Prinzip bis heute gleich geblieben: Am Donaukanal liegen Müllverbrennungsanlagen und Hauptkläranlage, aber auch eine der wichtigsten Einfallstraßen bzw. Durchzugsstraßen in Wien. Von der Idee der Wiener Stadtplanung aus den 60er Jahren, eine Stadtautobahn an die Unterkais des Donaukanals zu legen, blieb der Flusslauf zwar verschont, die Oberkais jedoch sind primär für den motorisierten Verkehr freigegeben.
Spiel des Zufalls und der Spannung
Das veränderte Mobilitäts- und Freizeitverhalten der letzten Jahre hat gleichzeitig dazu geführt, dass sich an den mittlerweile üppig zugewachsenen Ufern am Kanal für Fußgänger bzw. mit Fahrrad oder Inlineskates ein eigener Bereich etablieren konnte – sei es für den täglichen Weg oder die Freizeit. Aus der permanenten Bewegung in menschlichem Tempo scheint hier noch ein Spiel des Zufalls und der Spannung möglich, welches letztendlich das Gefühl der Stadtbewohner von gelungener Urbanität beschreibt.
Diese Entwicklung zum „Wasser-Boulevard“ (Zitat Architekt Boris Podrecca) zieht die organisierte Bespielung nach sich: Einfache Lokale, „Beach Locations“, das Badeschiff oder die wieder etablierte sinnvolle Nutzung der Wasserstraße wie durch den Twin City Liner, dem Personenschiff nach Bratislava. Ist ein Stadtraum allerdings erst einmal mit „soft skills“ aufbereitet und durch eine expansive Besucherfrequenz in seiner spezifi schen Qualität verlässlich anerkannt, lassen die Investoren nicht lange auf sich warten und versuchen den Ort zu verwerten: An den Oberkais durch die Errichtung von Hochhäusern, an den Unterkais durch Freizeiteinrichtungen, die ebenfalls eine „Wertschöpfung“ bringen sollen.
Schleichende Privatisierung
Dies ist allerdings der kritische Punkt: Eine durchschnittliche „Eventisierung“ des öffentlichen Raumes ist notwendig und bringt Leben in die Stadt, sobald mit Urbanität jedoch primär Geschäft gemacht werden soll, gerät der Stadtraum zur Kulisse und kann seine eigene Qualität nicht mehr entfalten. Die schleichende Privatisierung führt zu einer Zonierung des Freiraums und engt die Nutzer erst recht wieder ein. Der Wiener Stadtplanung ist es dankenswerterweise bewusst, dass der „Hype“ um die neu entdeckte Gegend nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden darf. Denn wenn der wahre Satz „Eigentlich ist es schön am Donaukanal!“ zum Leitmotiv der sogenannten Betreiber und der freie öffentliche Raum mit zu vielen aufgesetzten Nutzungen besetzt wird, kann der funktionierende, schöne Ort empfi ndlich gestört werden. Das kann nicht Sinn der Sache sein?!
Judith Eiblmayr ist Architektin, Architekturpublizistin, Kuratorin in Wien. Zahlreiche Textbeiträge, Ausstellungen und Publikationen.
Zum Thema ist im Mai 2011 das Buch: Judith Eiblmayr / Peter Payer: „Der Donaukanal – Die Entdeckung einer Wiener Stadtlandschaft“ im Metroverlag erschienen.
Andere Publikationen: „Der Attersee – Die Kultur der Sommerfrische“, „Haus Hoch – Das Hochhaus Herrengasse und seine berühmten Bewohner“, „Der Teufel steckt im Detail – Architekturkritik und Stadtbetrachtung“
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