
city people
Manuela Hötzl
In Wien geht man auf einen Kaffee, in London mit einem Kaffee. Zeit ist nach Geld wohl das wichtigste Gut. Der Londoner läuft daher ständig der Zeit hinterher – daran erkennt man ihn. Öfter jedoch sitzt er in U-Bahn und Bus oder steht geduldig in Warteschlangen – und bleibt freundlich: Daran erkennt man ihn auch.
Hat man es als „Newbie“ (das ist man mindestens vier Jahre lang) einmal eilig und versteht nicht, warum der Schichtwechsel am Ticketschalter gerade bei einem selbst vollzogen wird, während hinten keiner mehr steht, erntet man schnell ein „That‘s so continental!“.
Auch territoriale Kriterien sind wichtig. Grob wird in Ost und West geteilt, was durchaus mit dem Gefälle von West- und Osteuropa zu vergleichen ist (Österreich liegt östlich ungefähr zwischen Stoke Newington und Bethnal Green). Gemäß dem Rat von Vivienne Westwood werden Kleidungsstücke so lange getragen, bis sie von den Füßen oder Schultern fallen. Dabei ist nicht festzustellen, ob die löchrigen Schuhe und abgetragenen Jacken auf Mangel oder Überschuss (an Coolness) zurückzuführen sind. Aber das ist auch ziemlich egal – in London kann man sich alles erlauben, ohne abschätzende Blicke zu ernten. Interesse aber schon: Als Kate Middleton aus dem Hochzeitsauto stieg, brach die Website der BBC zusammen – 34 Millionen Briten wollten ihr Kleid sehen (nicht den Kuss!). London wird man wohl nicht so schnell verstehen. Aber das muss man auch nicht immer.
Manuela Hötzl ist Architekturkritikerin und -theoretikerin. Sie lebt derzeit als Studentin (MA Research Architecture, Goldsmiths) in East London.

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