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Vom anderen Ufer der Themse
SOUTHBANK Im April fokussierten sich die Kameras auf die royale Hochzeit des Jahres diesseits des Flusses. Nach dem Großereignis erweitert sich der Blick auf die andere Seite der Themse, der bunten Welt der Southbank.
Eigentlich ist die Geschichte des rechten Flussufers alles andere als glamourös. Der Mittelpunkt der Politik fand seit jeher auf der anderen Seite seinen Repräsentationsort. Das Parlament, die Residenz des Premierministers - besser bekannt unter Downing Street Nr. 10, und der Sitz des Königshauses, der Buckingham Palace, sie alle befi nden sich am linken Ufer der Themse.
The City of London hatte eben schon früh ihre eigenen Rechte. Jenseits des Flusses hingegen herrschte lange Ruhe. Die Häuser fädeln sich entlang enger kopfsteingepflasteter Gassen, die so schmal sind, dass gerade mal ein Auto durchfahren kann. Jahre vor dem Milleniumswechsel wiegte sich das Viertel in stiller Ruhe. „Die Southbank war kein Ort, der in Reiseführern erwähnt wurde. Es war finster, die Straßenbeleuchtung schummrig, die Stimmung sogar leicht beklemmend und es waren kaum Leute auf der Straße“, beschreibt Monika Krzizala ihre Eindrücke aus ihren ersten Londonbesuchen. Sie kennt die Stadt schon seit ihrer Schulzeit. Nach wie vor fährt sie regelmäßig und begeistert immer wieder hin. Doch in den 1980er Jahren ignorierte das Stadtmarketing dieses Viertel an der Biegung der Themse völlig. Nicht zuletzt deswegen, weil es in den Jahrhunderten zuvor ein zwielichtiges Image erworben hatte.
Bordelle und Spielhöllen in Form von Tierwettkämpfen wie dem „Bear baiting“, bei dem Kampfhunde auf einen krallen- und fangzahnlosen Bären gehetzt wurden, fanden hier ihre Unterkunft. Und da ist auch noch die Themse, die zeitweise weniger ein Fluss als eine Kloake war. Manche Sitzungen des Unterhauses in Westminster mussten vor der Kanalisierung unterbrochen werden, weil der Gestank nicht auszuhalten war.
Doch auch Shakespeares Globe Theatre siedelte sich im 17. Jahrhundert hier an. Seine Geschichte ist eine durchaus durchwachsene. Wohl wirkte an dem Ort William Shakespeare höchstpersönlich als Schauspieler und Teilhaber, doch Vernichtung und Aufbau des Gebäudes wechselten einander ab. 1997, zum 300 Jahr Jubiläum, wurde es endgültig rekonstruiert.
Glanz im neuen Jahrtausend
Die Milleniumsfeierlichkeiten brachten einen Umschwung. „Die Southbank wurde zum offiziellen Entwicklungsgebiet“, resümiert die jahrelange Londonliebhaberin Monika Krzizala, „das London Eye wurde aufgestellt, die Tate Modern ergänzt das Museumsangebot und die Künstlerszene hat einen neuen Anziehungspunkt.“ Vom weltgrößten Riesenrad aus kann man ein Auge auf die Innenstadt werfen.
Ein Sea Life Aquarium beherbergt etliche Meereslebewesen, was auch gar nicht einmal so weit hergeholt ist. Schließlich ist die Themse ein Gezeitenfluss, dessen Wasserstände durch die Nordsee ständig schwanken, das Wasser ist leicht brackig, weil salzhaltig. Von dem Tidenhub merkt man allerdings seit 1980 nur mehr wenig. In Woolwich Reach wurde ein Sperrwerk errichtet, um die schweren Flutwellen aus der Nordsee abzuwehren. Immer wieder gab es Katastrophen mit etlichen Toten. Mit der „Zähmung“ des marin beeinfl ussten Flusses konnten auch Schiffsanlegestellen eingerichtet werden, öffentliche Verkehrsmittel benutzen die Wasserstraße.
Die so genannten Thames Clippers setzen als schnelle Bootsverbindungen die Menschen von Waterloo nach Greenwich über. Der Gabriels Wharf zieht mit seinen Bars, Cafés und Geschäften mit Blick aufs Wasser Schlenderer, Genießer und Schaulustige an. Der Bezirk wandelte sich von der vergessenen Seite im Schatten der pompösen Prunk-, Palast- und Politikszene zum vielbesuchten Ausgehviertel. Altes kontrastiert Neues. So gesellte sich zum traditionellen Old Vic Theatre das Young Vic als Veranstaltungsort für junge Talente hinzu. Etliche Galerien bringen zeitgenössische Kunst, es gibt ein Imax Kino neben dem BFI Southbank Filmcenter. „Wie lange habe ich früher nach bestimmten Orten gesucht“, erzählt Monika Krzizala, „nichts war angeschrieben, kein Wegweiser weit und breit.“ Davon kann heute keine Rede mehr sein. Individuell zusammengestellte Stadtrouten, die über soziale Netzwerke kommuniziert auf das Handy geladen werden können oder nach eigenen Vorlieben komponiert werden, sind die moderne Form der Reiseplanung. Längst spielt die Southbank Webadresse alle Stückeln der elektronischen Vermittlung.
Hedonismus pur
Die Qualität des urbanen Gewässers beginnt sich in sämtlichen Lebensbereichen durchzusetzen. Gern fällt in diesem Zusammenhang auch der Begriff Künstlerenklave. Das Savoir-vivre auf Englisch fi ndet immer mehr Anhänger. Schon sprießen die Festivals aus dem Boden. Von Juni bis September 2011 spielt das Old Vic Theatre unter der Leitung von Kevin Spacey Shakespeares Richard III. Im Juli findet das London Literatur Festival statt, ebenso das Vintage Festival.
Und bis in den Herbst hinein spielt es sich zwischen Gabriel’s Wharf, Oxo Tower Wharf and Bernie Spain Gardens ordentlich ab: Straßentheater, Musik und Performances beleben die Flussufer. Da bräuchte es fast gar nicht mehr das 60-jährige Kronjubiläum von Queen Elisabeth. Aber so ist es doch dankbarer Anlassgeber für Veranstaltungen aller Art. Ob mit Familie oder mit Freunden, mit Kunstbesonnen oder Lebenskünstlern, das Angebot reicht von kulinarischen Höhepunkten bis zu diversen Wellnessaktionen. Dass London an der Themse liegt, lernt man wohl schon in der Schule, was das aber konkret bedeutet, musste auch die englische Metropole erst herausfinden.
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