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Würstel, Bücher, Haarschnitt
BAHNHÖFE, früher auch Heimstätte eleganter Restaurants, bieten heute gastronomisch gesehen immergleiche Asia-Schnitzel-Pizza-Döner-Schnellback-Ketten.
Le Train Bleu“: Auch so kann ein Bahnhofsbuffet sein. Das 1901 eröffnete Restaurant im Pariser Gare de Lyon überwältigt mit einer Belle-Epoque-Opulenz, die den Vergleich mit Opernhäusern und Kursalons nicht scheuen muss. Hat man seine heruntergefallene Kinnlade wieder unter Kontrolle, bietet ein Kaffee auf Polsterbänken, die schon die Gesäße von Coco Chanel, Salvador Dalí und Jean Cocteau beehrten, Gelegenheit und Muße, über das Wesen des Konsumierens in Bahnhöfen zu räsonieren. Bahnhofsgastronomie verbindet man heute eher mit Branntweiner, Würstelstand, Stehbuffet, Sportwetten-Café und anderen dunstigen Etablissements, die im Zuge der aktuellen Renovierungen meist durch Filialen der immergleichen Asia-Schnitzel-Pizza-Döner-Schnellback-Ketten ersetzt werden. Ein plausibler Grund liegt natürlich im Zeitmangel, der an Bahnhöfen per se herrscht. Demgemäß erfolgte in der Frühzeit der Eisenbahn die Essensversorgung durch fliegende Händler, die zu den Coupés kamen. Mit der Etablierung von Bahnhofsrestaurants wurden Zughalte oft auf die Dauer eines Essens abgestimmt – man denke an Roda Rodas Erzählung „Die Gans von Podwolotschyska“, in der der Bahnhofswirt, als Schaffner verkleidet, die Reisenden immer noch vor dem Hauptgang des vorausbezahlten Menus in den Zug drängt.
Nahversorgung statt Opulenz
Als Brennpunkte urbanen Lebens wurden Bahnhöfe zu Dienstleistungszentren, die auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten Notwendiges wie Lebensmittel („Reiseproviant“), Lektüre, Blumen und Haarschnitte bereithielten. Eine Renaissance des Sozialzentrums Bahnhof brachten die 1960er Jahre für Gastarbeiter, die sich am Ankunfts-, Abfahrts-und Heimweh-Ort Sonntag früh bei heimischen Tageszeitungen mit Landsleuten trafen.
Aufenthalt ohne Konsumation ist an Bahnhöfen heute unerwünscht – Wartesäle und sogar Sitzbänke wurden fast überall abgeschafft, „Lounges“ gibt es nur für VIP-Reisende. Dass die Funktion des Nahversorgers wichtiger denn je ist, weiß jeder, der einmal versucht hat, sonntags im Supermarkt am Praterstern einzukaufen. Auch die übel beleumundete Bahnhofsgastronomie kann, wie der Train Bleu zeigt, ein hohes Niveau haben. So wurde die New Yorker Grand Central Station, als Bahnhof nur noch von provinzieller Bedeutung, als Gastronomiezentrum nicht nur für Reisende neu definiert.
Im Budapester Westbahnhof fand sich als neuer Mieter für das historische Restaurant nur eine Burgerkette. Immerhin versuchte man, in dem Lokal eine gewisse Kaffeehaus-Atmosphäre aufkommen zu lassen. Was Hoffnung gibt: Kuchen und Torten werden vom berühmten Café Gerbeaud geliefert. Auf einen neuen „Train Bleu“ warten wir noch...

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